Eine Frage des Wir-Gefühls…..

„Frau Raschinsky, gestern hatten wir volles Haus und der Chef kam in die Küche und hat gemotzt: Wie sieht es denn hier aus….? Wir dachten der packt mal mit an, aber der hat nur ….., na ja gemeckert.

Wir hatten volles Café, einen voll besetzten Garten, Kaiserwetter, viel Eisverkauf, die Kaffeemaschine und Geschirrspüle haben es kaum geschafft. Wir haben uns angestrengt und sind geflitzt. Er hätte doch wenigstens Bleche und Geschirr nach vorn bringen können.“

Meine Frage an das Team: „Ich denke, der Chef hat am Sonntag immer frei? Sie haben doch selbst gesagt, das er einen Tag zum auszuruhen braucht.“ Die Antwort: „Na, dann kann er doch trotzdem einmal mit anpacken. Ist doch seine Bäckerei.“

Danach wurde mir erzählt wieviel Umsatz in knapp 5 Stunden Öffnungszeit das Verkaufstrio geschafft hat: 3 Mitarbeiterinnen für 110 Garten- und Café – Plätze.

Das „Wir-Gefühl“……und wo ist die Grenze….. Diese Situation hatte viel Facetten: Auf der einen Seite das „Wir -Gefühl“ bei den Verkäuferinnen. Und keine Belohnung dieses „Wir-Gefühls“ durch den Chef. Denn die Mitarbeiter fühlen sich in diesem Betrieb als Mitglieder der Familie. Auf der anderen Seite: klare „Chef-Ansage“. Und, beides hat sich ganz einfach nicht vertragen.

In einer guten Familie werden Probleme sofort besprochen, das war zum Zeitpunkt nicht möglich. Aber, offensichtlich gab es auch keinen gemeinsamen Nenner im Hinblick auf Umsatz, Stress, Aufgeregtheit, Angst den Kundenstrom sehr gut zu bedienen.

Viele Emotionen, Gedanken aber auch althergebrachtes haben hier das Tageslicht erblickt. Die Mitarbeiterinnen haben sich "so viel und so gut" sie konnten engagiert. Aber einen Maßstab für „so gut & so viel“ hatten und haben sie, wie in diesem Fall, nicht.

Was bleibt einem als Mitarbeiterin dann übrig? Richtig! Einen eignen Maßstab zu schaffen….der auch daraus hinausläuft: Wenn wir uns anstrengen, dann kann doch wohl der Chef einmal zupacken, auch wenn er seinen freien Tag hat.

Aber das „Wir-Gefühl“ hat doch auch eine Grenze, oder?

Wenn der Chef frei hat, dann hat er frei. Und, er darf auch was sagen! Aber, weil vorher keine klaren Erwartungen ausgesprochen wurden, er keine Vergleiche angesprochen hat z.B. zum Umsatz, zu anderen Tagen, zur Arbeit anderer Mitarbeiterinnen: „…da sah es nicht so aus.“, fühlten sich die Mitarbeiterinnen vor den Kopf gestoßen.

Ein starkes WIR-Gefühl entsteht, wenn von Beginn an mit Erwartungen geführt wird.

Kommentare

Seit 2014 gibt es in der Wilhelminenhofstraße Tina's Feinbäckerei.
Die Balance zwischen dem Wir-Gefühl und einer klaren Ansage als Chefin ist sehr wichtig, aber auch das Schwierigste bei der Führung einer Familien-Bäckerei.
Vertrauen zu geben und sich auch einmal zurückzunehmen gehört dazu. Dieses „Wir – Gefühl“ baut auf Vertrauen und ohne das lässt sich ein Familienbetrieb gar nicht führen. Allerdings musst du auch klar sagen, was du erwartest. Und, das ist nicht so einfach, weil man sehr konsequent sein muss.
Wir stellen nur Mitarbeiter ein, die auch wirklich zu mir und zum Team passen.
Ein wichtiges Kriterium ist die „Lust am Sprechen!“
Eine Verkäuferin muss sich artikulieren können und das kann sie nur, wenn sie auch gern arbeitet. Außerdem müssen wir uns auf eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Kundentypen einstellen….Unser Kiez entwickelt sich ja gerade unheimlich.
Vielleicht klingt es etwas sonderlich, aber ein Alleinstellungsmerkmal der Bäckerei ist eine besondere Form der Kundenbindung: die Kunden kommen ins Geschäft, um zu reden….ja mit den Verkäuferinnen zu reden. Und, das nicht nur um sich auszuquatschen. Wer sich mitteilt, vertraut auch und holt sich ein Stück Kraft, kann tief durchatmen und …..richtig: weiter geht’s mit dem „Scharfen Segler“, einem Belegten, einem Dinkelbrötchen oder mit 1,2,3, vier Kekschen….

Mir ist in dieser Bäckerei aufgefallen, das sehr viel gelacht wird. Die Verkäuferinnen werfen sich beim sprechen die Bälle zu: der Eine fängt den Satz auf, der Andere führt ihn zu Ende. Das geht nur, wenn man einen Draht zu einander hat. Ich hatte den Eindruck ich schaue von einer Bühne zu: Ja, es war so, als wenn ich in einem Theaterstück sitze.

Diese offene Art untereinander und auch so offen-fröhlich mit Kunden zu reden, zieht in jedem Fall weitere Kunden an. Der Straßenlärm ist in diesem Fall ein Vorteil, denn jeder muss laut und deutlich sprechen. Das bedeutet auch sich zu konzentrieren.

Ähnliches erlebe ich selten. All das ist deshalb wahrscheinlich auch so positiv, weil in Ihrem Geschäft nichts standardisiert, auf Ewigkeit festgelegt ist.......also bloß nicht standardisiert werden..... Ihre Karin Raschinsky

Konditormeister Robert Jaenichen: Konditorei Jaenichen GbR
www.konditorei-jaenichen.de
Diese Reaktion des Chefs, zu schimpfen, weil die Küche trotz gutem Umsatz unmöglich aussieht und die Reaktion der Mitarbeiterinnen nach dem Motto: „….er hätte ruhig mal zu packen können, ist ja auch seine Firma…“ ist mit Sicherheit charakterabhängig . Und, die Reaktion der Verkäuferinnen ist m. E schon grenzwertig.
Als Chef einer handwerklichen Konditorei denke ich zum Beispiel am Sonntagnachmittag schon wieder an den Backzettel, an die Lieferscheine und es kann ja sein, dass genau diese Unordnung den Chef an seinen vollen Schreibtisch erinnert hat. Mir geht das jedenfalls manchmal so.
Und, noch etwas, ja Lob muss ein, Geld allein ist nicht alles. Wenn ich etwas Gutes als Chef sehe, dann gleich loben!!!!!
In unserem Familienbetrieb stellen wir uns als Familie auf den Mitarbeiter ein. Wir reden über Arbeitszeiten, über die eine oder andere Unterstützung was die Schichten anbetrifft, über das Einarbeiten…..
Übrigens, meine Verkäuferinnen hätten Sonntagnachmittag nicht „verlangt“, das ich mitanpacke. Denn, sie wissen, dass ich seit 2:00 Uhr in der Früh schon in der Backstube auf den Beinen bin.
Ach so, noch ein P.S.: manchmal vermisse ich Interesse der Mitarbeiter an ihrer Arbeit, ein Mitmachen, Leidenschaft und Einsatz.

Steinofenbäckerei_VOS: Marksburgstraße 36, 10318 Berlin

Also, das Wir-Gefühl bringt jeder mit einem Familienbetrieb in Verbindung. Und, damit das Gefühl und die Tatsache an einem Strang zu ziehen.
Genau das wollte ich auch in meinem Betrieb umsetzen. Ich habe mich auf jeden Mitarbeiter auch eingelassen, ähnlich einer Familie……und wurde dabei oft enttäuscht. Richtig! Ich wurde in die Pfanne gehauen. Außerdem habe ich festgestellt, dass meine Mitarbeiter einen engen Bezug zu mir nicht möchten.
Ob Hausordnung, Putzordnung oder Plan für die belegten Brötchen….all diese Anweisungen zeigen klare Erwartungen.
Dennoch, man muss sich miteinander beschäftigen, miteinander reden und auch klare Grenzen ziehen. Das richtige Mittelmaß zu finden ist dabei die Hürde….
Das drückt vielleicht auch der im Blog geschilderte Konflikt aus.
Der ist für mich aber keiner. Als Chef bin ich ja immer da.
Wenn eine Verkäuferin fehlt, dann stehe ich im Laden. Das ist für mich keine große Sache.
Aus meiner Sicht sehe ich hier eher das Problem, ob die Mitarbeiter wirklich arbeiten wollen, sich bemühen, anstrengen, sich auf Situationen einstellen.
Meine Erfahrung ist: Mitarbeiter, die älter als 45 Jahre sind, strengen sich an und bemühen sich.
Und, Ursachen für Konflikte sind außerdem, dass nicht mitgedacht wird, um sich die Arbeit gegenseitig zu erleichtern. Das ist dann auch oft der Fall, wenn es keinen guten Zusammenhalt unter den Kollegen gibt. Denn i.d.R. bügelt eine Mitarbeiterin oft die Nachlässigkeiten ihrer Kolleginnen aus und das geht niemals gut. Hier muss ein Chef konsequent sein. Es kann nicht sein, das Eine für Alle den Kopf hinhält.

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